http://www.krebsgesellschaft.de/pat_ka_bauchspeicheldruesenkrebs_expertenkommentar_oettle,107879.htmlPriv.-Doz. Dr. med. Helmut Oettle beantwortet Fragen zu den derzeitigen Therapiemöglichkeiten
Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 12.600 Patienten mit der Diagnose „Bauchspeicheldrüsenkrebs“ konfrontiert. Viele der Betroffenen, aber auch Angehörige und Freunde wenden sich in dieser Situation an die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG), um sich hier aktuell über Therapiemöglichkeiten zu informieren. Einige der in letzter Zeit bei der DKG eingegangenen Fragen, die auch für andere Patienten wichtig sein könnten, beantwortet Privat-Dozent Dr. med. Helmut Oettle, Charité Berlin.
Mein Vater erhielt vor wenigen Tagen die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs. Ich bin sehr besorgt, da ich gehört habe, dass diese Krebsart eine sehr schlechte Prognose hat. Gibt es überhaupt eine Heilungschance?
Bauchspeicheldrüsenkrebs zählt in der Tat zu den Krebsarten mit einer besonders ungünstigen Prognose. Dies liegt unter anderem daran, dass der Tumor bei Krankheitsbeginn oft zunächst keine charakteristischen Beschwerden verursacht und bei den meisten Patienten daher erst in einem weit fortgeschrittenen Krankheitsstadium entdeckt wird.
Wenn der Tumor aber noch auf die Bauchspeicheldrüse begrenzt ist und durch eine Operation vollständig entfernt werden kann, besteht durchaus die Chance, dass die Patienten einige Jahre überleben oder sogar geheilt werden können.
Welche Möglichkeiten gibt es derzeit, um Bauchspeicheldrüsenkrebs zu behandeln?
Die Therapiemöglichkeiten hängen vom Krankheitsstadium ab: Bei frühzeitiger Diagnose d.h. wenn die Erkrankung auf die Bauchspeicheldrüse begrenzt ist (lokal begrenzter Bauchspeicheldrüsenkrebs), kann der Tumor mit dem Ziel einer Heilung operativ entfernt werden. Gegebenenfalls im Körper verbliebene einzelne Tumorzellen können durch eine anschließende mehrmonatige Chemotherapie (adjuvante Chemotherapie) zerstört werden.
Wenn sich der Tumor über die Bauchspeicheldrüse hinaus ausgedehnt hat (lokal fortgeschrittener Bauchspeicheldrüsenkrebs) und die Patienten primär nicht operiert werden können, erhalten sie in der Regel zunächst ebenfalls eine Chemotherapie. In bestimmten Fällen wird daran anschließend eine kombinierte Strahlen-Chemotherapie durchgeführt.
Wenn sich bereits Tochtergeschwülste in anderen Körperregionen gebildet haben (metastasierter Bauchspeicheldrüsenkrebs), kann die Erkrankung mit den derzeitigen Therapiemöglichkeiten nicht mehr geheilt werden und die Patienten haben eine sehr ungünstige Prognose. Die in dieser Situation übliche Palliativtherapie hat daher neben einer Verlängerung der Überlebenszeit vor allem die Linderung der tumorbedingten Beschwerden und den Erhalt der Lebensqualität zum Ziel. Dies gelingt am besten durch eine Chemotherapie in Kombination mit einer so genannten zielgerichteten Therapie.
Man liest im Moment viel über „zielgerichtete Medikamente“, die wohl auch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs eingesetzt werden. Wie wirken diese und was kann man sich davon erhoffen?
Wie bei verschiedenen anderen Tumorerkrankungen besteht heute auch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs die Möglichkeit einer zielgerichteten Therapie. Eindeutig belegt ist die Wirksamkeit bisher für Erlotinib. Das zielgerichtete Medikament, das seit einigen Jahren auch bei Lungenkrebs eingesetzt wird, blockiert im Tumor gezielt Andockstellen für bestimmte Wachstumsfaktoren (EGF-Rezeptoren). Dadurch wird das weitere Wachstum des Tumors gehemmt und dieser zugleich empfindlicher für die Behandlung mit bestimmten Chemotherapeutika.
Bei Patienten mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs ist Erlotinib in Kombination mit dem Chemotherapeutikum Gemcitabin zur Erstlinientherapie zugelassen, da Patienten mit Ansprechen auf die Erlotinib-Kombination in einer großen klinischen Studie länger lebten als solche, die nur die Chemotherapie erhielten.
Stimmt es, dass die Behandlung mit Erlotinib am meisten den Patienten hilft, die davon Hautausschlag bekommen?
Das ist richtig. In der Zulassungsstudie zu Erlotinib, an der über 500 Patienten mit weit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs teilnahmen, fanden die Ärzte einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen der Wirksamkeit des Medikaments und einer speziellen Hautreaktion, dem sogenannten akne-ähnlichen Hautausschlag (akneiformes Exanthem). Patienten, die auf die Behandlung in den ersten Behandlungswochen mit einem stärker ausgeprägten Hautausschlag reagierten, überlebten deutlich länger als solche mit fehlender oder schwacher Hautreaktion. Diese sehr guten Überlebensdaten konnten bisher in keiner anderen Untersuchung gezeigt werden.
Bedeutet der Hautausschlag nicht eine zusätzliche Belastung für die Patienten?
Die akneähnlichen Hautveränderungen beginnen meist schleichend in den ersten 2 bis 20 Tagen nach Therapiebeginn und bilden sich nach Therapieende in der Regel spontan und vollständig zurück. Wie der Patient diesen Hautausschlag empfindet, hängt natürlich von der Intensität der Hautreaktionen ab, aber auch davon, ob und wie er von seinem Arzt darüber aufgeklärt und anschließend behandelt wird.
In der täglichen Praxis hat es sich bewährt, wenn der Patient schon vor Beginn der Therapie über diese „erwünschte“ Nebenwirkung informiert wird. Empfohlen werden außerdem eine regelmäßige Hautpflege sowie eine konsequente Behandlung des Hautausschlags, wobei gegebenenfalls ein erfahrener Dermatologe hinzu gezogen werden sollte.
Mit welchen weiteren Nebenwirkungen muss ich bei diesem Medikament rechnen?
Zielgerichtete Medikamente sind im allgemeinen relativ gut verträglich. Neben verschiedenen Hautveränderungen können bei Erlotinib Durchfälle auftreten, die sich entsprechend der Schwere mit unterschiedlichen Medikamenten gut behandeln lassen.