27.05.2009
Instillationstherapie der Blase: aktuelle Konzepte
Einer der bemerkenswerten Aspekte an der urologischen Arbeit ist die Vielfalt an diagnostischen und therapeutischen Techniken. Während wir uns offen chirurgische, laparoskopische oder endologische Verfahren mit anderen Disziplinen teilen, ist die endovesikale Therapie mit Sicherheit ein urologisches Spezifikum.
Unter den topischen medikamentösen Therapien der Harnblase sind drei Indikationen hervorzuheben, deren therapeutischer Nutzen nachgewiesen ist:
1) Die postoperative Chemoprophylaxe nach transurethraler Resektion (TUR) eines TaT1-Urothel-CAs der Harnblase.
2) Die Bacillus-Calmette-Guérin(BCG)-Therapie beim nicht muskelinvasivem Urothel-CA der Harnblase.
3) Die intravesikale Therapie bei Bladder-Pain-Syndrom/interstitieller Zystitis (BPS/IC).
Ad 1: postoperative Chemoprophylaxe nach TUR
In einer Metaanalyse von 7 randomisierten Studien (n=1.476; medianer Follow-up 3,4 Jahre) wurde klar festgestellt, dass eine postoperative Instillation nach TUR mit Mitomycin C, Epirubicin oder Doxorubicin das Wiederauftreten des Karzinoms in absoluten Zahlen um 12%, im Vergleich der Odds-Ratio (OR) um 39% senkt. Diese Ergebnisse treffen sowohl auf singuläre als auch multiple Tumoren zu (Sylvester et al, J Urol 2004). Die erwähnten Therapeutika gelten als gleich effektiv.
Der Effekt im Sinne einer Senkung der Rezidivrate innerhalb der ersten zwei Jahre, jedoch nicht der Progressionsrate (!) dürfte sowohl in einer Eradikation von frei zirkulierenden Tumorzellen nach TUR als auch in einer ablativen Chemotherapie an der Resektionsstelle zu erklären sein. In allen Studien wurde die Therapie innerhalb von spätestens 24 Stunden verabreicht, empfohlen wird jedoch nach Möglichkeit eine Therapie innerhalb von 6 Stunden nach TUR.
Die Empfehlung gemäß den Guidelines der EAU lautet daher, dass jeder Patient nach TUR eines (gemäß der Einschätzung des Operateurs) nicht muskelinvasiven Blasentumors ohne Verdacht auf intraoperative Blasenperforation eine postoperative Chemotherapie erhalten soll (Babjuk et al, Guidelines EAU 2008). Dies gilt sowohl für Erstbefunde als auch für rezidivierende Tumoren.
Ad 2: BCG-Therapie beim nicht muskelinvasiven Urothel-CA
Grundsätzlich besteht die Indikation zur Bacillus-Calmette-Guérin(BCG)-Therapie beim nicht muskelinvasiven Urothel-CA der Harnblase mit hohem (und eventuell intermediärem) Rezidiv- und Progressionsrisiko. Da BCG den natürlichen Verlauf von niedrigmalignen Tumoren nicht beeinflusst, gilt hier die Therapie, die eine unter Umständen signifikante Toxizität mit sich bringt, als Übertherapie. Die EAU empfiehlt eine Risikostratifikation anhand eines EORTC-Risikokalkulators (
www.eortc.be/tools/bladdercalculator ), welcher folgende Faktoren umfasst: Anzahl der Tumore, Tumorgröße, Rezidiv innerhalb eines Jahres, T-Stadium, Carcinoma in situ (CIS) und Grading (WHO 1973). Als Richtlinie gelten pT1G3-Tumore sowie CIS als unabdingbare Behandlungsindikation. In der Therapie können derzeit alle am Markt befindlichen BCG-Stämme als gleichwertig angesehen werden. Im Unterschied zur postoperativen Chemotherapie wurde bei BCG-Instillation in zwei Metaanalysen gezeigt, dass BCG auch das Progressionsrisiko signifikant reduzieren kann (Sylvester et al, J Urol 2002, Böhle et al, Urology 2004). Die Reduktion von 27%–37% (alle Studien vs. Studien mit Maintenance-Schema) wurde sowohl bei TaT1-Tumoren als auch bei CIS gezeigt, wobei in der überwiegenden Mehrzahl der inkludierten randomisierten Studien (20/24) ein Maintenanceprotokoll verwendet wurde. Daher gilt es heutzutage als unbestrittener Standard, dass eine Erhaltungstherapie nach der Induktion mit BCG-Instillation 6x wöchentlich durchgeführt wird. Ein einheitliches Maintenanceschema existiert derzeit nicht, bereits beschriebene Therapien reichen von 10 Instillationen in 18 Wochen bis zu 30 Instillationen in 36 Monaten. Aufgrund von immunologischen Überlegungen empfiehlt die EAU jedoch ein zumindest 3-malig-wöchentliches Schema in variablen Abständen für 1 Jahr. Jedenfalls ist das Erhaltungsschema auch stark von der Toxizität abhängig, da in den bisher durchgeführten Studien die Drop-out-Rate durchwegs hoch war.
Ein Ansatz zur Reduktion der therapiebezogenen Nebenwirkungen ist die Verringerung der BCG-Dosis. Bei Nicht-Hochrisiko-Patienten erscheint es möglich, die Dosis auf bis zu 1/3 der Standarddosis zu minimieren. Eine Alternative zur BCG-Therapie ist bei Patienten mit BCG-Unverträglichkeit eventuell eine Instillationstherapie mit Keyhole Limpet Hemocyanin (KLH). Es ist jedoch anzumerken, dass aufgrund der geringen Daten diese Therapieform in den internationalen Guidelines nicht indiziert wird. Vielversprechende Daten existieren auch zu Gemcitabine als Alternative zu BCG, eine Anwendung außerhalb von Studienprotokollen ist jedoch derzeit nicht empfohlen. Kontraindikationen einer BCG-Instillation sind TUR innerhalb von 2 Wochen, Hämaturie, Bakteriurie (optionale KI), schwere lokale oder systemische Nebenwirkungen und Verdacht auf Blasen/Harnröhrenverletzungen (z.B. bei traumatischer Katheterisierung). Als Therapieversager gilt jeglicher Befund eines muskelinvasiven Tumors sowie High-Grade-Rezidive innerhalb von 3–6 Monaten oder unter laufender Therapie. Grundsätzlich muss bei jeglicher Form des High-Risk-, nicht muskelinvasiven Urothel-CAs auch individuell die Indikation einer frühen Zystektomie bedacht und mit dem Patienten diskutiert werden. Als Follow-up-Schema wird derzeit ein 3-monatiges Zystoskopieintervall bei Hochrisikopatienten bis zu 2 Jahren, ein 4-monatiges Intervall im dritten Jahr und dann ein halbjährliches Intervall bis zu 5 Jahren empfohlen. Zusätzlich ist eine jährliche Kontrolle des oberen Harntraktes notwendig. Eine Zytologie sollte optional speziell bei CIS-Patienten durchgeführt werden. Andere Blasentumormarker sind derzeit noch nicht im Routinebetrieb eingeführt und können daher die Zystoskopie als Goldstandard weder ergänzen noch ersetzen.
Ad 3: intravesikale Therapie bei BPS/IC
Als weitere Domäne der intravesikalen Therapieformen muss die Behandlung des Bladder-Pain-Syndroms/der interstitiellen Zystitis (BPS/IC) angesehen werden. Hierbei handelt es sich im Unterschied zum Urothel-CA der Harnblase um eine Erkrankung mit nicht einheitlich fassbarer Definition. Im Folgenden wird die Erkrankung mit dem Leitsymp-tom eines chronischen pelvinen/suprasymphysären, blasenbezogenen Schmerzes mit fakultativ verstärktem Harndrang und erhöhter Miktionsfrequenz bei Ausschluss von verwechselbaren Erkrankungen (Tab.) gemäß einem Vorschlag der European Society for the Study of IC/Painful Bladder Syndrome (ESSIC) definiert. Therapeutische Ansätze liegen in verhaltenstherapeutischen Empfehlungen, oraler Medikation, neuromodulatorischen Therapien, intravesikalen medikamentösen Therapien bis hin zu operativen Ansätzen. Im Folgenden wird lediglich auf intravesikale Therapien eingegangen, die in kontrollierten Studien beschrieben wurden (Quellen: EAU-Guidelines on chronic pelvic pain 2008, Cochrane Database 2007, ESSIC-Homepage 2009). Als sporadisch oder methodologisch unzureichend beschriebene Therapieansätze werden gemäß den EAU-Guidelines die Verabreichung von Lokalanästhetika, Heparin, Hyaluronsäure, Chondroitinsulphat sowie die Harn-Alkalisierung genannt.
Pentosanpolysulphat (PPS): ein heparinähnliches, semisynthetisches Glykoprotein zur Wiederherstellung der Glyko-saminoglykan(GAG)-Schicht mit durchblutungsfördernder, antiinflammatorischer, mastzellstabilisierender Wirkung. Wurde aufgrund der geringen oralen Bioverfügbarkeit bei 20 Patienten placebokontrolliert untersucht. Schema: 300mg PPS in 50ml 0,9% NaCl zwei- bis dreimal wöchentlich für 3 Monate.
Dimethylsulphoxid (DMSO): fett- und wasserlösliches Lösungsmittel. Gilt als analgetisch, antiinflammatorisch und muskelrelaxierend wirksam und als Radikalfänger. Wurde klinisch bei 33 Patienten im kontrollierten Crossover-Design untersucht. Schema: 50ml 50%ige DMSO-Lösung 1x wöchentlich (nicht länger als 20 Minuten) über 8 Wochen. Gemäß den EAU-Guidelines derzeit als Standardtherapie anzusehen. Häufigste Behandlungsform in den USA.
BCG: wurde in mehreren kontrollierten Studien untersucht und wird gemäß den EAU-Guidelines nicht als Routinetherapie empfohlen. Gemäß der Cochrane Database „Intravesical treatment of BPS/IC“ jedoch eine von 2 Therapien mit nachgewiesenem Effekt.
Resiniferatoxin: wurde als Therapeutikum in verschiedenen Regimen in kleinen Serien beschrieben. Die größte kontrollierte Untersuchung bei 163 Patienten mit BPS/IC zeigte keine signifikante Wirksamkeit nach Einmalgabe über einen Beobachtungszeitraum von 12 Wochen.
Oxybutinin: wird in den EAU-Guidelines nicht erwähnt, laut der Analyse Cochrane-Untersuchung jedoch eine von 2 Behandlungen mit Wirksamkeit. Untersucht wurde diese Therapieform an 33 Patientinnen, die gleichzeitig ein Blasentraining absolvierten.
Autor:
Priv.-Doz. Dr. Anton Ponholzer, Univ.-Doz. Dr. Stephan Madersbacher, Abt. f. Urologie u. Andrologie, SMZ Ost, Wien
uro090214