Einladung und Hinweise vor der Veranstaltung:http://www.krebsforum.at/forum/index.php/topic,4138.msg10755.html#msg10755NÖ Ärzte fordern Zuwendungsmedizin statt Industriemedizin
Utl.:
Hochkarätige Diskussionsrunde in Niederösterreich warf kritischen Blick hinter die Kulissen des Gesundheitssystems Wien (OTS) - Unser Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps - doch
wer trägt die Schuld daran? Und wie lässt sich die medizinische
Versorgung für die Zukunft retten? Derzeit bringt ein aufgeblähter
Verwaltungs- und Kontrollapparat den Ärztinnen und Ärzten beinahe
täglich neue Protokolle und Formulare und erfindet immer neue Hürden.
Ist das die Perspektive für die Zukunft?
Dr. Günther Loewit, Arzt, Schriftsteller und Kammerrat der
Ärztekammer für Niederösterreich, hat sich in seinem Buch "Der
ohnmächtige Arzt" mit diesen Entwicklungen auseinandergesetzt. Dies
war der Anlass für die NÖ Ärztekammer, in Kooperation mit der lokal
tätigen IGMed rund um die ökonomischen Rahmenbedingungen im Spital
und in der Niederlassung sowie über die von der Politik vorgegebene
Marschrichtung des Gesundheitswesens als Ganzes in den kommenden
Jahren zu diskutieren.
Zwitl.: Der Faktor Zeit wird in unserem System unzureichend bewertet
Etwa 200 Personen, darunter zahlreiche Ärztinnen und Ärzte, aber
auch Patientinnen und Patienten sind der Einladung gefolgt. Neben den
Funktionären der NÖ Ärztekammer waren der Autor des Buches Dr.
Günther Loewit, Dr. Franz Svehla als Vertreter der IGMed sowie die
beiden Landeshauptmann-Stellvertreter Mag. Wolfgang Sobotka und Dr.
Sepp Leitner am Podium vertreten. Ausgehend von zwei gelesenen
Textstellen aus dem Buch entwickelte sich eine lebhafte, aber fair
geführte kontroversielle Diskussion rund um die aktuellen Probleme
sowie die Zukunft des Systems.
"Der Faktor Zeit wird unzureichend bewertet, egal in welchem
Vertragsverhältnis ein Arzt steht", so der Präsident der NÖ
Ärztekammer, Dr. Christoph Reisner. Man müsse sich aus seiner Sicht
von dem Gedanken lösen, dass Medizin "beziehungslos" funktioniert.
"Man kann Medizin nicht mit beispielsweise einer Autoproduktion
vergleichen. Ich bin zwar grundsätzlich für Qualitätssicherung
eingestellt. Aber man kann nicht alles im Leben ausschließlich
qualitätsgesichert betreiben. Ein leidender Patient kann nie ein
Kunde sein. Man kann ihn nicht wie in einem Verkaufsgespräch
beraten", so Präsident Dr. Reisner.
Zwitl.: Kosteneffizientes Arbeiten ist zu unterstützen, aber es muss
am Patienten orientiert sein
Dr. Ronald Gallob, Kurienobmann der angestellten Ärzte, nannte ein
Beispiel der Bürokratisierungsproblematik aus seiner Sicht: "In
meinem Fach passiert es oft, dass Patienten sofort zu versorgen und
gegebenenfalls zu operieren sind. Heutzutage ist leider zu
beobachten, dass sich zunächst einmal alle an der Behandlung
beteiligten Personen an den Computer stellen, um dort alle
Pflichtfelder ausgefüllt zu haben, bevor die Arbeit am Patienten
beginnen kann, der solange zu warten hat. Das kann aus meiner Sicht
nicht effizient sein."
Kosteneffizientes Arbeiten ist aus seiner Sicht zu unterstützen,
aber es muss am Patienten orientiert sein. "Es muss uns auch noch
ermöglicht werden, mit dem Patienten zu sprechen. Wir werden uns
sicher nicht weiter in die beschriebene Ohnmacht hineintreiben
lassen. Wir werden bemüht sein, unsere fachliche Qualität bestmöglich
an unsere Patientinnen und Patienten weiterzugeben", so Dr. Gallob.
Zwitl.: Warum wird ärztliche Leistung immer schlechter honoriert?
Dr. Harald Schlögel als Kurienobmann-Stellvertreter der
niedergelassenen Ärzte artikulierte sein Unverständnis, warum das
System die medizinische Leistung der Ärzteschaft immer schlechter
honoriert. "Dazu kommt eine immer größere bürokratische Belastung.
Die Rahmenbedingungen im öffentlichen Gesundheitssystem gehören rasch
geändert."
Dr. Schlögel bekannte sich zur Bereitschaft, gemeinsam mit den
Verantwortlichen die notwendigen Veränderungen einzuleiten: "Es ist
unsere Aufgabe aufzuzeigen, dass die Politik mehr auf uns hören
sollte. Fachlich und aus ökonomischer Sicht ist jedenfalls das
Einhalten der so genannten "Gesundheitsversorgungspyramide"
einzufordern. Also dass je nach Grad der Erkrankung der dafür
vorgesehene Einstieg ins Versorgungssystem erfolgt."
Zwitl.: Von der Politik brauchen wir Mut für Entscheidungen und Mut
für Veränderungen
"Wir müssen jedenfalls rasch umdenken, und zwar weg von der
Industriemedizin hin zur Zuwendungsmedizin", so Präsident Dr. Reisner
zum Abschluss. "Wir müssen der Realität ins Auge sehen. Medizin wird
besser, die Menschen werden älter, immer mehr Behandlungen werden
notwendig. Wir brauchen daher auch die Bereitschaft der Politik, mehr
Geld für das System zu verwenden. Die Ärzteschaft braucht sich jedoch
nicht ohnmächtig zu fühlen. Wir sind die einzige Berufsgruppe, die in
der Lage ist, Patienten zu behandeln. Von der Politik brauchen wir
jedoch Mut für Entscheidungen und Mut für Veränderungen."
Rückfragehinweis:
Pressestelle der Ärztekammer für Niederösterreich
Michael Dihlmann
Tel.: 0664/144 98 94
presse@arztnoe.at www.arztnoe.at