Autor Thema: Therapie von Tinnitus  (Gelesen 2456 mal)

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christina62

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Therapie von Tinnitus
« am: 24. Mai 2007, 21:40 »

Therapie

Die Behandlung eines Tinnitus richtet sich nicht allein nach der Ursache, sondern vor allem auch nach der Dauer seines Bestehens. Je früher der Betroffene zum Arzt geht, desto besser sind die Heilungschancen. Aus diesem Grund erfolgt eine Klassifizierung von Tinnitus in akut (bis zu drei Monate bestehend), subakut (drei bis zwölf Monate) und chronisch (länger als zwölf Monate).

Therapie von akutem Tinnitus

Ein akuter Tinnitus wird, wenn seine Ursache im Innenohr liegt oder nicht bekannt ist, in der Regel durch die mehrtägige Gabe von Glukokortikoiden behandelt. Zusätzlich werden Infusionen mit Blutverdünnern verabreicht. In manchen Fällen erhalten die Patienten ein Beruhigungsmittel. Bleibt diese Behandlung ohne Erfolg, schließt sich eine hyperbare Sauerstofftherapie an.

Die größten Erfolgsaussichten bestehen, wenn die Maßnahmen so früh wie möglich, günstigstenfalls innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Tinnitusereignis, durchgeführt werden.

Therapie von subakutem und chronischem Tinnitus

Auch bei subakutem und chronischem Tinnitus werden Glukokortikoide und Blutverdünner verabreicht, anschließend erfolgt eine hyperbare Sauerstofftherapie. Darüber hinaus erhalten die Betroffenen ein spezielles Hörgerät, einen so genannten Tinnitus-Masker. Dieser überdeckt den Tinnitus durch ein "Rauschen".

Daneben spielt Psychotherapie bei der Behandlung von Tinnitus eine große Rolle. Durch das Erlernen von Entspannungstechniken sollen die Betroffenen lernen, einerseits Stresssituationen besser zu beherrschen und andererseits den Tinnitus zu "überhören". Letzteres geschieht durch die Konzentration auf andere Geräusche. Der Versuch, einen Tinnitus kontrollieren zu wollen, führt oft zu einer starken Fixierung der Betroffenen auf das Symptom, das sich dadurch noch mehr in den Vordergrund drängt. Mithilfe von Entspannungstechniken wie Autogenem Training, Yoga oder progressive Muskelrelaxation können Anspannung und Konzentration auf die Ohrgeräusche allmählich abgebaut werden.

Die genannten Behandlungsmethoden können bei einem chronischem Tinnitus gute, wenngleich nicht hervorragende Ergebnisse erzielen. So durchlaufen Tinnitus-Betroffene mitunter eine Vielzahl verschiedener Therapien, ohne dass der Tinnitus vollständig verschwindet. In diesem Fall ist es wichtig, dass die Betroffenen lernen, mit dem Ohrenpfeifen "leben zu können". Auf diesen Ansatz stützt sich die so genannte Retraining-Therapie nach Jastreboff.

Quelle: onmeda
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Dietmar E.

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Hörsturz: Keine Therapie ist evidenzbasiert
« Antwort #1 am: 23. Juni 2007, 01:39 »

Hörsturz: Keine Therapie ist evidenzbasiert

Dienstag, 19. Juni 2007
Ottawa – Obwohl ein Hörsturz ein häufiges und für die Patienten äußerst unangenehmes Ereignis ist, gibt es bisher keine Behandlung mit nachgewiesener Wirkung. Zu diesem Schluss kommt eine Meta-Analyse in den Archives of Otolaryngology – Head & Neck Surgery (2007;133:573-581 und 582-586).

Hörstürze sind keineswegs selten. Die Inzidenz wird in der Literatur mit bis zur 20 Ereignisse auf 100.000 Personen pro Jahr angegeben, wenn sie nicht noch häufiger sind. Gegenüber den Kostenträgern werden nämlich 200 bis 300 Neuerkrankungen/100.000 Personen pro Jahr abgerechnet, was nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde jedoch an der nicht immer präzisen Diagnose von Nicht-Fachärzten liegt.

Auch die Kostenträger sträuben sich häufig die Therapie zu zahlen. Dies geschieht meist mit Hinweis auf eine hohe Spontanheilungsrate, die Anne Elizabeth Conlin von der Universität Ottawa und Lorne Parnes von der Universität in London/West-Ontario auf 32 bis 70 Prozent schätzen. Dies erschwert natürlich die Beweisführung für die zahlreichen therapeutischen Ansätze, die noch dazu auf unterschiedlichen Konzepten beruhen. Denn auch Ätiologie und Pathogenese sind weitgehend unbekannt.

Auch die Qualität der randomisierten kontrollierten Studien, die zur Behandlung bisher durchgeführt wurden, lässt zu wünschen übrig. Conlin und Parnes bewerteten die Validität mit 2 bis 8 von 9 möglichen Punkten. Da nur 2 Studien die gleichen Kriterien zur Definition des SSHL (für „sudden sensorineural hearing loss“, wie die Erkrankung in Fachpublikationen abgekürzt wird) verwendeten, ist es erstaunlich, dass die Forscher überhaupt eine systematische Analyse durchgeführt haben. Sie umfasst 21 Studien, darunter eine Studie zum Einsatz von Steroiden, die als „Meilensteinstudie“ bezeichnet wird, aber nicht randomisiert war.

Deshalb wurde diese Studie aus der nachfolgenden Meta-Analyse ausgeschlossen. Diese basierte folglich auf 20 randomisierten kontrollierten Studien und ergibt für keine Therapie einen überzeugenden Wirkungsbeleg. Das überrascht bei der geringen Qualität der zugrunde gelegten Studien allerdings auch nicht. Neben Steroiden wurden in den Studien auch Virostatika (Virusinfektion als Ätiologie), Vitamine und Spurenelement (antioxidative Therapie), pflanzliche Produkte, die hyperbare Sauerstofftherapie und rheologische Behandlungen (zur Besserung der Durchblutung) angewendet.

Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde erwähnt darüber hinaus noch ionotrope Therapien (etwa Lidocain oder Procain), die Osmotherapie (Dehydratationstherapie in Anlehnung an Vollrath zur Reduktion des Endolymphvolumens), Thrombozytenaggregationshemmer sowie eine Fibrinogenabsenkung durch Apherese. Diese in Deutschland üblichen Therapien wurden von den kanadischen Meta-Analytikern gar nicht berücksichtigt.

Allen von den kanadischen Autoren genannten Therapien ist gemeinsam, dass es keinen Beleg einer Wirkung gibt. Am positivsten sind noch die Ergebnisse zu den Steroiden. Conlin und Parnes geben eine stärkere Wirkung als unter Placebo an. Doch die Odds Ratio von 2,47 steht bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,89-6,84 doch auf sehr wackeligen Füßen. Evidenzbasiert ist die Therapie nach Ansicht der Autoren nicht. Das gleiche gilt für den Vergleich von Steroiden mit anderen Therapien (Odds Ratio 1,27; 0,64-2,55).

Und eine Odds Ratio von 0,92 spricht auch in der Tendenz nicht für die therapeutische Idee, die Wirksamkeit von Steroiden durch die Kombination mit einem Virostatikum zu verbessern. Die SSHL bleibe ein medizinischer Notfall (die Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde spricht lieber von einem Eilfall, da das Leben der Patienten nicht gefährdet ist), dessen Ursache nach wie vor ungeklärt ist und für den es keinen rationalen Behandlungsansatz gebe, lautet das Fazit der Autoren. © rme/aerzteblatt.de
http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=28845
 
» Abstract der systematischen Übersicht
 
» Abstract der Meta-Analyse
 
» Pressemitteilung der Archives
 
» Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf und Hals-Chirurgie
 

"Zu meiner Zeit gab es Dinge, die tat man, und Dinge, die man nicht tat, ja, es gab sogar eine korrekte Art, Dinge zu tun, die man nicht tat." (Sir Peter Ustinov)

Sissi

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Musiktherapie hilfreich gegen Tinnitus
« Antwort #2 am: 08. Mai 2008, 00:15 »

Ergebnisse einer interdisziplinären Studie bei chronisch-tonalem Tinnitus am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg
belegen eindeutig die Wirkung von Musiktherapie.

Rund 80 Prozent der 132 Studienteilnehmer hatten nach dem Ende der Therapie weniger oder keine Ohrgeräusche mehr. Die Ergebnisse sind darüber hinaus sehr stabil, wie eine psychologische Nachuntersuchung sechs Monate später zeigt. Ein neurowissenschaftlicher Nachweis der Wirkung von Musiktherapie bei Tinnitus mit Hilfe der Magnetresonanztomographie stützt die von den Patienten geschilderten Verbesserungen.

Die Patienten erhielten insgesamt zehn Behandlungseinheiten, entweder einmal pro Woche oder innerhalb einer Woche. Das Behandlungskonzept beinhaltet sowohl aktive als auch passive Anteile. Im aktiven Teil macht der Patient unter anderem stimmliche Übungen mit dem Musiktherapeuten. Der passive Teil umfasst Therapieeinheiten, die auf eine Stressbewältigung, Rückbildung psychischer Begleiterscheinungen sowie Verbesserung der Aufmerksamkeits- und Hörleistung abzielen. Die Ergebnisse zeigen, dass in beiden Gruppen die Ohrgeräusche weniger oder ganz verschwunden waren.

Auch Schlaf- und Konzentrationsschwierigkeiten sowie weitere Stress-Symptome waren während und nach der Behandlung deutlich weniger. Selbst sechs Monate nach der musiktherapeutischen Behandlung hält diese Besserung bei den erfolgreich behandelten Patienten an. Deutlich wurde auch, dass bei weniger belasteten Patienten eine geringere Therapieanzahl ausreicht.

Die Forschergruppe wies zudem die Wirkung des musiktherapeutischen Konzepts auch auf neurowissenschaftlicher Ebene nach. Gehirnaufnahmen mit einem Kernspintomographen liefern Hinweise darauf, dass Tinnitus nicht ausschließlich das Ergebnis einer fehlerhaften Verarbeitung von Geräuschen im Gehirn ist, wie lange Zeit angenommen. Vielmehr zeichnet sich ab, dass auch Gehirnstrukturen, die nicht vorrangig für den Gehörsinn verantwortlich sind sowie aufmerksamkeitsrelevante Areale die Entstehung von Tinnitus mit bedingen.

Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung

Werner

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Josef

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Tinnitus durch gezielte Neuronale Plastizität heilen?
« Antwort #4 am: 14. Februar 2011, 18:34 »
14.02.2011
      
   
   Tinnitus durch gezielte Neuronale Plastizität heilen?


Die Ursachen für Tinnitus sind vielfältig, neben Bluthochdruck, Entzündungen oder Lärmschäden bis zum Hörsturz können auch veränderte Hörreiz-verarbeitende Hirnareale zu einem Tinnitus führen. Das Gehirn passt sich stetig neuen Gegebenheiten an. Bei den Umbauarbeiten im Gehirn können Bereiche „stillgelegt“ werden, die Hörreize nicht mehr verarbeiten können, aber weiterhin gereizt werden.

Forscher berichten nun in Nature, dass sie mittels Lücken-Erkennungstest bei Ratten Tinnitus nachweisen konnten, den sie zuvor ausgelöst hatten. Die hörgeschädigten Ratten erhielten eine Klangtherapie. Sie hörten Töne, welche ihre persönliche Tinnitusfrequenz jeweils aussparten. Im Rattenversuch ließ sich die neuronale Umorganisation in der Hörrinde so rückgängig machen. Die Ergebnisse wurden noch verbessert, wenn parallel zur Klangtherapie auch der Vagusnerv stimuliert wurde.

Reversing pathological neural activity using targeted plasticity
Navzer D. Engineer, doi:10.1038/nature09656
http://www.nature.com/nature/journal/vaop/ncurrent/abs/nature09656.html
Alles, was wir uns in der Vergangenheit schwer erkämpfen mussten,
hinterlässt gewisse Spuren auf unserer „zerbrechlichen“ Seele,
doch sollten wir deshalb die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht verlieren.
Carola-Elke

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Neuartige Musiktherapie hilft bei Tinnitus
« Antwort #5 am: 31. März 2011, 00:10 »
14.03.2011   
   
   Lästiges Pfeifen im Ohr: Neuartige Musiktherapie hilft bei Tinnitus

Millionen Deutsche leiden an einem chronischen Tinnitus. Das Pfeifen, Brummen oder Rauschen im Ohr beeinträchtigt die Lebensqualität mitunter erheblich. Mit einer neuartigen Musiktherapie lernt das Gehirn, die störenden Geräusche auszublenden. Wissenschaftler stellen den Behandlungsansatz auf der 55. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) vor. Der Kongress findet vom 16. bis zum 19. März 2011 in Münster statt.

Hirnforscher der Universität Münster vergleichen einen Tinnitus mit dem Phantomschmerz, den Menschen nach dem Verlust einer Gliedmaße empfinden. Die Geräusche entstehen, weil infolge von Hörstörungen bestimmte Tonfrequenzen „amputiert“ sind. „Auf dem subjektiven Empfindungsniveau nimmt der Tinnituspatient einen ‚Phantomklang’ wahr. Auf dem neuro physiologischen Niveau unterliegt dieser Phantomwahrnehmung ein zentraler, hauptsächlich kortikaler Reorganisationsprozess“, erklärt Professor Dr. Christo Pantev, Direktor des Instituts für Biomagnetismus und Biosignalanalyse der Universität Münster. Der Wissenschaftler geht davon aus, dass der Verlust der sogenannten lateralen Inhibition hierbei eine Rolle spielt. Es handelt sich dabei um ein Schaltprinzip im Gehirn, bei dem aktivierte Nervenzellen benachbarte Nervenzellen hemmen. „Ist dieser Prozess gestört, kommt es zur Überaktivität benachbarter Hirnregionen. Bei Hörstörungen wird dies dann als Tinnitus wahrgenommen”, so Pantev im Vorfeld der DGKN-Jahrestagung.

Mit einer neuartigen Musiktherapie versuchen die Forscher, die fehlgeschalteten Nervenzellen gezielt zu beruhigen. Zunächst wählt jeder Patient aus seiner Musiksammlung 10 bis 20 CDs mit seiner Lieblingsmusik aus. „Am Computer passen wir die Musik dann individuell an: Wir filtern genau die Frequenz aus der Musik heraus, die der jeweiligen Tinnitus-Frequenz des Patienten entspricht“, erklärt Pantev. Der auf diese Weise bearbeiteten Musik, die sich unverändert anhört, lauschten die Teilnehmer einer Studie jeden Tag für ein bis zwei Stunden. Zudem bildeten die Wissenschaftler zwei Kontrollgruppen. In der ersten hörten die Patienten Musik, bei der eine zufällig ausgewählte Frequenz unterdrückt wurde. Bei den Patienten der zweiten Kontrollgruppe wurde die Musik gar nicht bearbeitet.

Nach zwölf Monaten hatte sich die Tinnitus-Lautstärke bei den Patienten, die die um ihre Tinnitus-Frequenz bereinigte Musik hörten, im Durchschnitt um 25 Prozent vermindert. Die Ohrgeräusche wurden als weniger lästig eingestuft. Zudem schränkten sie die Lebensqualität in geringerem Maße ein. Mit der Magnetoenzephalographie, einer Form der Bildgebung, konnte Pantev darüber hinaus die Auswirkungen der Therapie auf die Hirnaktivität überprüfen: „Das Ergebnis stimmte mit der Wahrnehmung der Patienten überein: Die Hirnreaktion auf Töne mit der Tinnitus-Frequenz fiel nun schwächer aus“, erklärt der Experte. Bei den beiden Kontrollgruppen zeigten sich keine Veränderungen.

Die Studie aus Münster ist in der Fachwelt auf große Resonanz gestoßen. „Wenn andere Zentren unsere Ergebnisse bestätigen, könnte diese spezielle Musiktherapie schon bald zu einer Standardbehandlung werden”, hofft Pantev, der diesen Ansatz mit seinen Kollegen auf der 55. Jahrestagung der DGKN in Münster diskutieren wird.

Literatur:
Okamoto H, Stracke H, Stoll W, Pantev C.: Listening to tailor-made notched music reduces tinnitus loudness and tinnitus-related auditory cortex activity. Proc Natl Acad Sci U S A. 2010 Jan 19;107(3):1207-10


Symposium der DGKN-Jahrestagung:
Neues zur Pathophysiologie und Therapie des Tinnitus
Donnerstag, 17. März 2011, 18.00 bis 20.00 Uhr
Halle Münsterland, Galerie