Hörsturz: Keine Therapie ist evidenzbasiert
Dienstag, 19. Juni 2007
Ottawa – Obwohl ein Hörsturz ein häufiges und für die Patienten äußerst unangenehmes Ereignis ist, gibt es bisher keine Behandlung mit nachgewiesener Wirkung. Zu diesem Schluss kommt eine Meta-Analyse in den Archives of Otolaryngology – Head & Neck Surgery (2007;133:573-581 und 582-586).
Hörstürze sind keineswegs selten. Die Inzidenz wird in der Literatur mit bis zur 20 Ereignisse auf 100.000 Personen pro Jahr angegeben, wenn sie nicht noch häufiger sind. Gegenüber den Kostenträgern werden nämlich 200 bis 300 Neuerkrankungen/100.000 Personen pro Jahr abgerechnet, was nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde jedoch an der nicht immer präzisen Diagnose von Nicht-Fachärzten liegt.
Auch die Kostenträger sträuben sich häufig die Therapie zu zahlen. Dies geschieht meist mit Hinweis auf eine hohe Spontanheilungsrate, die Anne Elizabeth Conlin von der Universität Ottawa und Lorne Parnes von der Universität in London/West-Ontario auf 32 bis 70 Prozent schätzen. Dies erschwert natürlich die Beweisführung für die zahlreichen therapeutischen Ansätze, die noch dazu auf unterschiedlichen Konzepten beruhen. Denn auch Ätiologie und Pathogenese sind weitgehend unbekannt.
Auch die Qualität der randomisierten kontrollierten Studien, die zur Behandlung bisher durchgeführt wurden, lässt zu wünschen übrig. Conlin und Parnes bewerteten die Validität mit 2 bis 8 von 9 möglichen Punkten. Da nur 2 Studien die gleichen Kriterien zur Definition des SSHL (für „sudden sensorineural hearing loss“, wie die Erkrankung in Fachpublikationen abgekürzt wird) verwendeten, ist es erstaunlich, dass die Forscher überhaupt eine systematische Analyse durchgeführt haben. Sie umfasst 21 Studien, darunter eine Studie zum Einsatz von Steroiden, die als „Meilensteinstudie“ bezeichnet wird, aber nicht randomisiert war.
Deshalb wurde diese Studie aus der nachfolgenden Meta-Analyse ausgeschlossen. Diese basierte folglich auf 20 randomisierten kontrollierten Studien und ergibt für keine Therapie einen überzeugenden Wirkungsbeleg. Das überrascht bei der geringen Qualität der zugrunde gelegten Studien allerdings auch nicht. Neben Steroiden wurden in den Studien auch Virostatika (Virusinfektion als Ätiologie), Vitamine und Spurenelement (antioxidative Therapie), pflanzliche Produkte, die hyperbare Sauerstofftherapie und rheologische Behandlungen (zur Besserung der Durchblutung) angewendet.
Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde erwähnt darüber hinaus noch ionotrope Therapien (etwa Lidocain oder Procain), die Osmotherapie (Dehydratationstherapie in Anlehnung an Vollrath zur Reduktion des Endolymphvolumens), Thrombozytenaggregationshemmer sowie eine Fibrinogenabsenkung durch Apherese. Diese in Deutschland üblichen Therapien wurden von den kanadischen Meta-Analytikern gar nicht berücksichtigt.
Allen von den kanadischen Autoren genannten Therapien ist gemeinsam, dass es keinen Beleg einer Wirkung gibt. Am positivsten sind noch die Ergebnisse zu den Steroiden. Conlin und Parnes geben eine stärkere Wirkung als unter Placebo an. Doch die Odds Ratio von 2,47 steht bei einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,89-6,84 doch auf sehr wackeligen Füßen. Evidenzbasiert ist die Therapie nach Ansicht der Autoren nicht. Das gleiche gilt für den Vergleich von Steroiden mit anderen Therapien (Odds Ratio 1,27; 0,64-2,55).
Und eine Odds Ratio von 0,92 spricht auch in der Tendenz nicht für die therapeutische Idee, die Wirksamkeit von Steroiden durch die Kombination mit einem Virostatikum zu verbessern. Die SSHL bleibe ein medizinischer Notfall (die Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde spricht lieber von einem Eilfall, da das Leben der Patienten nicht gefährdet ist), dessen Ursache nach wie vor ungeklärt ist und für den es keinen rationalen Behandlungsansatz gebe, lautet das Fazit der Autoren. © rme/aerzteblatt.de
http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=28845 » Abstract der systematischen Übersicht
» Abstract der Meta-Analyse
» Pressemitteilung der Archives
» Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf und Hals-Chirurgie